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System Overload

Die Pforten zu Edanistan haben sich geöffnet! Willkommen zurück Begleiter und verzeih mir meine lange Abwesenheit. Es ist nun einiges an Zeit seit dem letzten Bericht verstrichen, doch mit dem Verlust des gewohnten Territoriums ist auch meine Muse abhanden gekommen. Dennoch ist vieles passiert, vieles was erzählt werden will und vieles was noch zu verarbeiten ist. So schnallt euch bitte an und reist mit mir ein paar Tage in die Vergangenheit.

Wie jeder weiß, sind Zeitreisen gefährlich. Eine kleine Veränderung im Raum-Zeitkontinuum kann alles Verändern. Wasser fließt plötzlich Abhänge hinauf, Gegenstände materialisieren sich plötzlich vor einem, nur um sogleich wieder zu verschwinden, oder das Leben beginnt im kalten Grab und endet im warmen Leib der Mutter. Nun denn, so profan lief es in Japan nicht ab. Durch ein Wurmloch gelang ein kleiner Teil des Oktoberfestes von Deutschland nach Ôsaka. Auch ein Dirndl gelangte in die Hände Nicoles. Das Schicksal hat es eben drauf. Leider ist der Versand per Wurmloch astronomisch hoch, weshalb das Schicksal pleite ging und mir Lederhosen verwehrt blieben.

Sauf´n mer - sterb´n mer. Sauf´n mer net - sterb´n mer a. Oiso - sauf´n mer!

Wir trafen uns also Freitag Abends mit KAZ und einigen Bewohnern der Orange, um zusammen zum besagten Fest zu schlendern. Gesagt, getan. Von weitem konnte man schon Jodelgesänge und Zumba-Zumba Musik vernehmen. Neben einigen bekannten und weniger bekannten Bierständen, sahen wir in die Hände klatschende Japaner die glücklich und rhythmisch ihre Leiber zu bayrischer Livemusik bewegten. Einige Kandidaten hatten sogar besagte Lederhosen an. Der beste Beweis, dass man die Finger von Zeitreisen lassen sollte.

Marco Polo Naise

Nachdem wir alle unsere völlig überteuerten Biere ausgetrunken hatten, entschlossen wir uns weiterzuziehen und gelangten nach einer erfolglosen Suche nach einer freien Bar in die Ladenkette „Torikizoku“, zu deutsch: Adelsvogel. Spartanische Holzeinreichtung, freundliche Bedienung und das beste, alles für nur 280 Yen. Sei es Essen oder Bier. Unser Kollege Kôji bestellte wie ein Wilder ein Teller nach dem anderen. Unsere Zähne bekamen die unterschiedlichsten Spieße zu kauen. Gebratene, knorpelige, scharfe… Und wir erhielten einen unendlichen Vorrat an rohem Weißkohl garniert mit einer undefinierten Soße, die aber extrem lecker war.

Der Adelsvogel

Danach ging es zurück ins Orange House rauf in den Gemeinschaftsraum. Kôji hatte noch ne Flasche Whiskey, also wurde die kurzer Hand auch verköstigt. Schöner Abend. Nun folgen einige Impressionen unseres Werten Hauses und der architektonischen Vielfalt Ôsakas.

Eingangsbereich des Gemeinschaftsraumes

Wäschewände

Die Kraft der Özörä

Inhalationsareal

In Abeno

Drahtseilakt

Hier die Auflösung des letzten Rätsel: Orange!

Postman, Briefe hier einwerfen!

Auch in Japan muss Wäsche trocknen.

Kleines Heiligtum

Schilderwald

Das Antlitz Abenos

Potenzielle Goa-Location

Große, kleine, moderne, traditionelle, heruntergekommene, saubere, lustige, und sonstige Gebäude, alle auf einem Haufen. So könnte man die Architektur Ôsakas am besten beschreiben. Es macht einfach Spaß, nach nur vier Schritten gleich was völlig anderes geboten zu bekommen. Völlig unkonventionell und nicht so steif wie einige Verhaltensweisen hier.

Die Bilder die du oben sehen kannst sind aus Abeno, unserem Viertel. In der Nähe befindet sich noch eine fünfstöckige Mall mit allen erdenklichen Klamottenläden und Fressbuden. In nur weniger als fünfzehn Minuten ist man auch im Herzen der Stadt: Nanba. Selbstverständlich haben wir uns nicht gescheut Nanba einen Besuch abzustatten. Wir stiegen aus der U-Bahn und fanden uns in einem Meer aus Lichtern, Autos, Menschen, Gerüchen und Geräuschen wieder. Dabei waren wir nicht einmal richtig im Zentrum. Wir überquerten einen Ozean aus weißen Streifen bis uns plötzlich ein Wesen aus Chaos und Licht biss. Nach und nach wurden wir immer langsamer und unkoordinierter. Unsere Körper bewegten sich wie betrunkene Zombies durch die Strassen. Unsere Gehirne setzten aus. Überdosis Nanba. System Overload. Leider hatte ich meine Kamera vergessen, daher gibt es jetzt erst einmal nur Bilder von unserem zweiten Besuch in Nanba. Wird nicht das erste und letzte Mal gewesen sein.

Die Strasse Dôtonbori

Kommerziantentum

Elektrisierend

Auf der Nipponbashi

Ein Name der spaltet.

Was gibt es sonst noch zu sagen? Ach ja, wir haben uns auf Hello Work, einer Agentur zur Arbeitsbeschaffung, angemeldet, uns ein neues Handy besorgt und nach Arbeit umgeschaut. Diese erweist sich nicht gerade einfach, aber wer will denn schon so schnell aufgeben. Immerhin haben wir für den Samstag ein Bewerbungsgespräch für eine Sprachschule Schrägstrich Café. Kommt Zeit, kommt Rat.

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Kofferodyssee

Die längste Reise beginnt ja bekanntlich mit dem ersten Schritt. Und wie jeder weiß, ist der erste Schritt eines Menschen immer der schwerste. Als Säugling stämmt man mühevoll seine mit Babyspeck umhüllten Beinchen, nur um nach einem unbeholfenen Schrittes wieder aufs Stubsnäschen zu fallen. Als kleiner Knirps wird man in die unerbittliche Welt der Lehrer, Schulnoten und Hausaufgaben gelassen. Als pubertierender Teenager fängt man spätestens mit der ersten Bewerbung an, seine Seele dem Kapitalismus zu verkaufen. Und obwohl der erste Schritt oft Mut, Kraft und Willenskraft erfordert, gehört er zu den schönsten Entscheidungen im Leben.

So kam es also, das Nicole und Rosario ihre Reise im Frankfurter Flughafen begannen. Meine Wenigkeit hatte plötzlich den inneren Drang nach der japanischen Währung, die ich zuvor aus praktischen Gründen in Deutschland besorgt hatte, zu schauen. Also den ersten Koffer aufgemacht und wie ein Goldgräber wahnsinnig nach den Scheinen gesucht. Nichts. Also weiter mit dem zweiten Koffer. Wühl. Wühl. Wühl. Wieder nichts. Niente. Nada. In der Zwischenzeit sind meine beiden Freundinnen Frau Busenhack und Frau Fuß zur Unterstüzung vorbeigekommen. Hier nochmal ein mittelalterlicher Knicks dafür. Das Geld ist trotzdem nicht aufgetaucht. Egal. Japan dürfte genug Yen haben. Nach dem Check In und einer in den Augen mit H2O, Prolaktin und Adrenocorticotropin sowie anderen Stoffen angereicherten Flüssigkeit verabschiedeten wir uns von unseren Liebsten und stiegen in den Flieger. Elf Stunden und ein paar Mahlzeiten später, kamen wir in Ôsaka an und gaben unsere Fingerabdrücke ab. Schade, dabei wollte ich doch den Tennô stürzen. Draußen angekommen, probierten wir erst einmal eines der berühmten Getränkeautomaten aus und testeten unsere Sprachkenntnisse in dem wir eine nette Dame hinter einem Informationstresen baten, uns den Weg zu unserem Apartment zu erklären. Hiermit soll auch eine neue Kategorie eingeführt werden: Essen und Trinken. Ich werde so gut es geht jedes Getränk und jede Mahlzeit ablichten und eine kurze Beschreibung abgeben, und möge es sich dabei nur um handelsübliches Wasser handeln.

Nicole in Big Japan

Rosario in Big Japan

Typischer Getränkeautomat wie er in jeder Ecke vorzufinden ist.

Eingangshalle des Kansai International Airports

Mit gefühlten 20.000 Kilo an uns wurstelten wir uns also durch ein Geflecht aus Bahnlinien und Schaltern. Ich kann den einen oder anderen Ausländer verstehen, wenn er bei der Ticketbeschaffung etwas überfordert ist. Das System ist überhaupt nicht mit dem aus Deutschland zu vergleichen, wäre bei uns aber auch gar nicht möglich. Da kann man schon froh sein, wenn die DB-Automaten das Geld überhaupt akzeptieren (wenn sie denn mal funktionieren). Aber irgendwie haben wir es mit unserem kleinen Kanji-Einmal-Eins trotzdem geschafft immer in den richtigen Zug einzusteigen.

Kommerz im Zuge

Around the world

Silent Hill

The New Victory

Drei Stunden und zehn Liter weniger Schweiß später kamen wir endlich im Orange House an. Preisfrage: Welche Farbe hatte wohl das Haus? Antworten bitte in die Kommentare schreiben und wieso ihr denkt das dies die richtige Antwort sei. Zu gewinnen gibt es etwas typisch japanisches: getragene Unterhosen. Mit Foto!

Unser Zimmer liegt im Erdgeschoss und bietet etwa 10m². Platz und Schlaf sind eh überbewertet. Der Quadratmeter kostet 5500 Yen, also umgerechnet etwa 52 Euro. Klingt viel? Ist aber noch ziemlich günstig. Zudem ist die Lage sehr günstig gelegen, da sehr zentral. Nachdem unser Manager, der auf den klangvollen Namen KAZ (ja er schreibt sich wirklich so) hört, uns alles gezeigt hatte, machten wir uns auch gleich in unseren kleinen aber feinen vier Wänden breit.

Auspackimashô

Bett und Kleiderschrank

Die Klimaanlage. Mein bester Freund. Ich liebe dich!

Kühlschrank. Mein zweitbester Freund.

Multifunktionszimmer

"Küche"

Wie du sehen kannst, haben wir uns gleich heimisch gefühlt. Geschlafen wird auf dem Boden, respektive Tatamimatten (Matten aus Reisstroh) auf denen ein Futon gelegt wird. Ist für Europäer etwas hart, aber nach spätestens zwei Nächten dürfte keiner mehr Probleme damit haben. Also erstmal den Schlaf nachgeholt und sich einen abgeschwitzt. Das Klima ist extrem heiß und drückend. Es regnet während des Tages zwar immer ein paar Mal, doch bringen tut das nichts. Ich mag das. Endlich normales Wetter. =) Das wars erst einmal dazu. Schalte demnächst wieder ein, wenn du wissen willst wie das Oktoberfest in Japan gefeiert wird und welche Menschen noch mit uns im Haus wohnen.

Willkommen Feind, Fremder und Freund!

Begleite uns auf eine spannende Reise in einer Welt voller Mystik, Natur und Gegensätzen. In einem Land, in der die Sonne ihren Ursprung findet und jeden Tag aufs Neue gen Himmel emporsteigt um die Gesichter aller Menschen dieses Planeten zu kitzeln. Japan – für viele ein Ort, in der sich Tradition und Moderne voreinander verbeugen. Für andere nur ein wirres Chaos an kryptischen Zeichen und unverständlichen Verhaltensweisen.

Dies soll hier jedoch nicht nur ein Hort der vermeintlichen Selbstinszenierung, sondern auch eine Quelle der Inspiration und ein Tempel für die Seele sein. Ergreift unsere Hände und seid mit uns, wenn sich unsere Füße von Ort zu Ort bewegen, unsere Körper kulinarische Köstlichkeiten in sich aufnehmen, die Augen Wunder vernehmen und unser Geist die Farbe ändert. Wir werden viele Wege gehen. Manch einer wird kurz sein, manch anderer bedarf mehrerer Schritte. Hürden müssen gemeistert, eigene Gewohnheiten über Bord geworfen werden. Eins ist jedoch Gewiss: das eigene Ich wird wachsen, egal wie tief man selbst sinken mag.

Doch wie klein wäre der Mensch, wenn er auch nicht über den eigenen Tellerrand schauen würde. Deshalb werden wir auch abseits der gewohnten Pfade reisen – hinein in die tiefen Windungen menschlicher Psyche, labyrinthische Gänge voller sich verschließender und öffnender Türen und Meere bunter Impulse. Die Zeit nagt nicht nur an Mensch und Tier, auch dieser virtuelle Spiegel eurer Selbst ist dem Segen der Veränderungen verfallen, so dass das gewohnte Bild Platz für ein anderes schaffen muss. Es würde uns eine Freude machen, dich Feind, Fremder und Freund für eine Weile als treuer Begleiter dabei haben zu können. Hinterlasse doch bitte eine Spur, ein Zeichen oder einfach nur ein Fragment deines Ichs und teile dich uns mit.

Denn die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt!